Ein performatives Musik- und Kunstfestival

14. - 20. September 2009
Maria-Theresien-Strasse 24, Innsbruck
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Montag 14.09.09

Eröffnung der Ausstellung mit einer Einführung von Ulrike Mair und einem Konzert von Andreas Kurz (Keplar/Linz)


Eröffnungrede von Ulrike Mair

Liebe Künstler und Künstlerinnen

liebe Kunstfreunde, liebe Freunde elektronischer Musik

liebe Stadtbenutzer!

 

Ich freue mich heute wirklich ganz besonders, dass mich Martin Huber und Lucas Norer von Aut.Ark eingeladen haben, ein paar einführende Gedanken zum Projekt Playground zu skizzieren und ich somit die Ehre habe, ein - wie ich finde - durchaus spannendes zeitgenössisches Kunst- und Musikprojekt an einem für Innsbrucks Selbstverständnis strategisch höchst prominent gelegenen Ort zu eröffnen.

Spannend deshalb, weil das Projekt Playground als performatives Musik- und Kunstfestival sich gemäss seiner Konzeption nicht nur einen an sich kunstfremden Ort aneignet, sondern, indem es das ehemals legendäre Geschäftslokal des Modehauses Schirmer hier in der Maria TheresienStrasse als Konzertraum, Ausstellungsort, Homebase und künstlerischen Arbeitsplatz zweckentfremdet, Kunst unmittelbar in den innerstädtischen Alltag einspeist und damit auch den öffentlichen Stadt-Raum als öffentlichen Kunst-Raum umdefiniert.

Symbolisch sichtbar wird diese temporäre künstlerische Aneignung durch einen gleichermassen simplen wie wirksamen Trick, einen Trick um nicht zu sagen eine Strategie, wie sie Feldherren seit jeher zur Beherrschung fremder Territorien angewendet haben: die weithin sichtbare Markierung des fremden Ortes als den eigenen. Und so wurde für Playground das ehemalige traditionsreiche Haus der Mode durch einen einfachen konkret poetischen Eingriff zunächst kurzerhand zum Haus der Moderne, von wo aus gewissermassen als Basisstation Aut.ark sein Projekt eine Woche lang in die Stadt ausschwärmen lässt. Playground versteht sich - so das Konzept - als künstlerische Intervetion im urbanen Umfeld, wobei dessen Aneingung, Vereinnahmung, dessen Veränderung und dadurch dessen temporäre Um- bzw. Neugestaltung im Mittelpunkt stehen.

Wie aber vereinnahmt, verändert man urbanes Umfeld, wie kann man es um- gar neugestalten wenn dieses Ansinnen bloss ein künstlerisches und noch dazu nur ein temporäres ist?

Nun:

Städte bestehen zunächst einmal aus Stein, aus Eisen, aus Glas, aus Beton, aus privaten Häusern und öffentlichen Gebäuden, aus Kirchen und Schlössern, aus Plätzen und Parks, Strassen und Wegen. Stadt besteht auch aus Überlagerungen ganz unterschiedlicher Systeme, deren Vernetzungsziel ganz allgemein als Teilhabe, als „polis“ oder als Kommunikation begreifbar ist, denken wir dabei an die unterschiedlichen regulierenden, leitenden sowie ordnenden Systeme wie Kanal- oder Stromnetze, Strassenschilder, Ampeln oder z.B. Verwaltungsvorschriften.

Urbane Umwelten sind dabei nie nur materiell sondern zugleich immer auch immateriell, Stadt ist nicht nur ein durch entsprechende Codes endgültig definierter mehr oder weniger benutzerfreundlicher Raum für Stadtbenutzer, Stadt ist immer auch Wahrnehmungsraum, Hörraum und Gestaltungsraum, der allerdings, sich stetig verändernd,auch stets neue Gestaltungstaktiken erfordert. Das gilt für künstlerische Taktiken im Übrigen ebenso wie für architktonische, wirtschaftliche, politische oder private.

 

Lassen Sie mich hier ein Zitat - wie könnte es in diesem Fall anders sein - von Thomas Feuerstein vorlesen, der sich in einem Aufsatz mit dem Titel ORT und ALIBI – der Künstler als Translokateur – im Rahmen des Projekts "Translokation – der ver-rückte Ort – Kunst zwischen Architektur" sehr ausgiebig mit künstlerischen Praxen auseinander setzt. Der Aufsatz ist zwar aus 1994 und damit bereits 15 Jahre alt, hat aber nichts von seiner Gültigkeit eingebüsst und steckt für mich sozusagen eine mögliche inhaltliche Klammer ab, in der das Projekt Playground mit seinem Untertitel „mobile Raum(un)Ordnung“ im urbanen Umfeld angesiedelt ist.

 

“Einen Ort an einem anderen Ort erscheinen zu lassen, ist anthropologisch gesehen auch aller Anfang von Kunst. Ihn vor dem Vergessen retten und ihn in einen anderen Ort einschreiben, einen Nicht-Ort an einem realen Ort aufzeigen oder einen Ort als Ort bewusst machen, sind alte Motive der Kunst. Vorstellungen an einem konkreten Ort zur Darstellung zu bringen, eine Verbindung zwischen der realen und der symbolischen Welt herzustellen und eine Logik der Metapher zu gründen, lag seit Anbeginn im Interesse von Kunst. Im 19. und 20. Jahrhundert begann Kunst die eigene Topographie zum Ort ihrer Produktionen zu machen, was allgemein mit wachsendem Autonomieanspruch der Kunst beschrieben wird. Diese Reflexionsleistung von Kunst wartet nun auf ihre theoretische wie praktische Elaboration um ein Crosssing-over der verschiedenen sozialen Bereiche herbeizuführen und neue Arten von Öffentlichkeiten zu erschliessen - Öffentlichkeiten, die durch fliessende Kombination der dargestellten Bedeutungen neuen Bedeutungen Platz einräumen. Die Verbindungen, die Kunst zwischen den realen und den symbolischen Orten in einer Gesellschaft erstellen und umstellen kann, ist heute, wo eine stetige Verschiebung der Denotationen in den Bereich der der Konnotationen betrieben wird, von brisanter Aktualität. Die symbolische Funktion liegt dabei nicht im Verweischarakter auf eine Realität im Sinne des philosophischen Ontologiebegriffes, sondern in der Bearbeitung sozialer Strukturgefüge, um über ihre Symbolisierungen die realen Gegebenheiten und Dispositive offenzulegen. Kunst kann nicht mehr der privelegierte Ort des guten Geschmacks und der Schönheit sein. Sie kann aber die starre Koppelung gewisser Orte an bestimmte Eigenschaften aufbrechen und zum Ort eines Crossing-over der kulturellen Codes werden. Erst in dieser Offenheit von Kombination und Rekombination von Codes kann es zur Einnahme einer Deregulations- und Korrektivfunktion von Kunst in gesellschaftlichen Systemen kommen...“

 

Ich möchte hier nicht inhaltlich auf die einzelnen Arbeiten und Arbeitsweisen der eingeladenen Künstler und Künstlerinnen eingehen, das ist auch gar nicht notwendig, ist doch das Spezifische am Projekt Playground, dass künstlerische Schaffens- und Produktions- sowie Enstehungsprosse elektronischer Musik als solche nachvollziehbar und transparent gemacht werden sollen. Nutzen Sie daher doch einmal dieses etwas andere und vielleicht ungewohnte urbane Sonderangebot wenn Sie Ihre Einkäufe erledigen müssen, in der Innenstadt einen Termin haben oder einfach nur Schaufenster bummeln oder flanieren wollen. Nutzen Sie Ihre Mittagspause oder Ihren Feierabend, bevor Sie aus der Stadt nach Hause fahren doch einmal dazu, den von Playground eingeladenen Künstler- und MusikerInnen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. In der kommenden Woche gibt es ausreichend Gelegeneheit dazu.

So:

Jetzt darf noch auf das umfangreiche Rahmenprogramm mit Live Performances, Screenings, Diskussionen und Vorträgen, täglich hier vor Ort um 19 Uhr und natürlich auf das Abschlusskonzert mit der Präsentation der Ergebnisse von Playground am Samstag ebenfalls hier vor Ort um 19 Uhr , und weiters auf das Playground „Auswärtsspiel“ am Freitag in der p.m.k hinweisen und Sie last but not least herzlich zur Finissage am Sonntag und der aus gegebenem Anlass abschliesenden Franzosendisko mit dem Titel "Merci Merci Merci! La Boum die Bonaparty" einzuladen.

 

Apropos Merci: ich möchte mich bei allen, die zum Gelingen des Projekts Playground beigetragen haben und noch beitragen werden, herzlich bedanken, allen voran natürlich den beteiligten Künstlern und Künstlerinnen und den Veranstaltern Martin Huber und Lucas Norer von Aut.Ark. An dieser Stelle möchte ich aber auch die Firma Signa nicht unerwähnt lassen, die uns völlig unkompliziert diese grossartige Location zur Verfügung gestellt hat und dem Architekten Dieter Mathoi, er hat den Kontakt hergestellt. Hinzufügen möchte ich auch noch, dass dieses Projekt von der Jury der Stadtpotenziale 08 ausgewählt und somit von der Stadt Innsbruck erstgefördert ist.

 

So bleibt mir, den eingeladenen Künstlern und Künstlerinnen eine produktive Zeit hier bei uns in Innsbruck, dem Projekt als Ganzes viel Erfolg und uns als Stadtbenutzer und Stadtbenutzerinnnen im - aus meiner Sicht leider nur temporären Haus der Moderne - eine spanndende Woche zu wünschen und viel Gelegenheit, uns mit Fragen zeitgenössischer bildender Kunst aber auch Themen und Fragen der elektronischen Musik auseinandersetzen zu dürfen.

Vielleicht schafft es Playground ja auch, einen weiteren Tropfen zeitgenössischer Nachfrage in Innsbruck zu installieren und vielleicht höhlt dieser Tropfen ja auch ...

na ja, lassen wir uns überraschen... den Stein.